Die Vision einer werteorientierten Globalisierung, ein Interview mit Vorstandsvorsitzendem Thomas Wüst

Oktober 2009

Den ökonomischen Erfolg deutscher Unternehmen zu verbinden mit der wirtschaftlichen und darüber hinaus sozialen Weiterentwicklung von ausländischen Investitionsstandorten ist das Ziel des Global Partners Bayern e.V. Der Vorsitzende Thomas Wüst erklärt, mit welchem außergewöhnlichen Konzept das gelingt.

Herr Wüst, seit ungefähr sieben Jahren unterstützen die Global Partners das weltweite wirtschaftliche Engagement ihrer Mitglieder. Man darf den Verein getrost als Experten für die Globalisierung bezeichnen.

Dem widersprechen wir nicht. Jedoch haben wir ein ganz eigenes Konzept der Globalisierung entwickelt – ein Konzept der sanften, werteorientierten, nachhaltigen Globalisierung, einer Globalisierung, die Mehrwert für alle schafft, für Investoren, Unternehmen und Zielländer gleichermaßen, für eine Globalisierung, die als Win-Win-Situation gestaltet wird.

Ihre Mitglieder sind Unternehmer – das heißt die wirtschaftlichen Chancen sind der Ausgangspunkt?

Unbedingt. Nichtsdestoweniger schauen wir nicht nur reduziert auf die Unternehmen und ihre Ziele, sondern ganzheitlich auf alle Beteiligten und ihre Ansprüche, ebenso wie auf die Umwelt, die sozialen Strukturen. Wir verstehen Globalisierung eben nicht nur als wirtschaftliche Vernetzung, sondern definieren sie neu als Beitrag zur Entwicklung von Gesellschaften.

Bleiben wir bei Ihrer wirtschaftlichen Expertise. Ein Unternehmer möchte im Ausland aktiv werden, erfährt von den Global Partners Bayern. Wie helfen Sie ihm?

Er nimmt mit uns Kontakt auf. Dann stellen wir ihm die Projekte vor, an denen wir gerade arbeiten. Wenn sein Know-how zu einem dieser Projekte passt, kann er sich gern in das Projekt einbringen, sich an dem Arbeitskreis oder an dem aus dem Arbeitskreis hervorgegangenen neuen Unternehmen beteiligen. Falls er ein eigenes Projekt plant, kann er uns dieses vorstellen mit der Option, dass unsere Mitglieder sich wiederum an seinem Projekt beteiligen können.

Kurze Zwischenfrage: Sie gründen eigene Unternehmen?

Das ist sinnvoll. Arbeitskreise bereiten unsere Projekte inhaltlich vor, aber wenn diese dann umgesetzt werden, tun wir das in Form neuer Unternehmen. Wir wollen ja Geschäft generieren.

Zurück zum Firmenchef. Der steht mit Ihrer Hilfe nicht mehr allein vor der Internationalisierungsaufgabe. Das ist vor allem für einen Mittelständler ein wichtiges Moment.

Und die wollen wir ja mit unserer Arbeit zwar nicht ausschließlich, aber doch vor allem ansprechen. Bei uns arbeitet der Mittelständler in einem Netzwerk, er hat internationalisierungserfahrene Kollegen an seiner Seite, kann von ihrem Know-how profitieren, sich in Sachen Finanzierung helfen lassen. Er muss natürlich bereit sein, zu kooperieren, seine Pläne offen zu legen, Kontakte weiterzugeben.

Zu Ihrem Konzept gehört auch die Zusammenarbeit mit der Politik?

Ja, das ist ebenfalls eine Besonderheit unseres Vereins. Wir sind ursprünglich aus einer politischen Initiative des bayerischen Wirtschaftsministeriums hervorgegangen. Bis heute nutzen wir unsere Kontakte zur Politik. Mit dem Back-up der deutschen Politik ist es für uns leichter, die Türen zu den Entscheidungsträgern in den Zielmärkten zu öffnen.

Wie funktioniert das? Was haben Sie davon?

Wenn Projekte die Unterstützung oder die Rückendeckung der Politik haben, ist ihre Verwirklichung viel einfacher. Sie wissen selbst, wie lange man aktiv sein muss, bis Projekte in Schwung kommen. Zumal die Zielmärkte auch strukturell unterschiedlich kompliziert sind. Die Integration der politischen Entscheidungsträger – zumeist in den Regionen und Kommunen vor Ort – ist in diesem Sinne sehr förderlich. Es gibt Verträge mit den Verwaltungen, gemeinsame Projektgesellschaften, dadurch entstehen klare Strukturen. Die Türen zu vielen Partnern sind schon halb offen. So arbeitet es sich leichter, sicherer – und effizienter.

Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort aus?

Wir arbeiten in interdisziplinären Projekten. Das hat mit unserem ganzheitlichen Ansatz zu tun. Es geht uns nicht um die Gründung einzelner Vertriebs- oder Produktionsstätten. Wir nehmen größere bereichsübergreifende Aufgaben in Angriff. In Nishnij Novgorod beispielsweise gestalten wir ein sehr groß angelegtes regionales Infrastrukturprojekt. Dazu brauchen wir Experten für Logistik, Straßenbau, Entsorgung, Energie aber auch Unternehmen, die Fachkräfte schulen oder sich um Umwelt- und Qualitätsstandards kümmern.

Deshalb Ihr Hinweis, dass potenzielle neue Mitlieder offen für Kooperationen sein sollen?

Ja, es ist wichtig, dass wir die Projekte schon hier in Deutschland mit unseren Mitgliedern gemeinschaftlich vorbereiten und dann gemeinsam mit den Partnern vor Ort umsetzen. Das geht nur kooperativ. Wichtig ist, dass wir beides tun: Wir bereiten die Projekte vor und setzen sie um.

Wie finden Sie die Projekte?

Wir und unsere Mitglieder sondieren interessante Zielmärkte passend zu unseren Kompetenzen, initiieren, wenn wir Bedarf sehen, Projekte auch selbst, bringen uns in bestehende Projekte ein.

Letztendlich übernehmen Sie in den Zielmärkten für die Politik auch eine gewisse Beraterfunktion.

Das sehen wir als Teil unseres Entwicklungsanspruchs. Auch hier gilt das Kooperationsprinzip. Wir entwickeln die Projekte immer gemeinsam – und lernen dabei auch von unseren Partnern.

Gibt es für Sie weitere Ansprechpartner vor Ort?

Idealtypisch wären Gespräche mit allen gesellschaftlichen Gruppierungen. Unser derzeitiger Ansatz ist: Durch die interdisziplinäre Ausrichtung unserer Projekte sind auch begleitende Bildungsmaßnahmen und damit ein werteorientierter, aufklärerischer Anspruch im Sinne unseres Leitbilds integraler Bestandteil unserer Arbeit. Daher fungieren wir auch als Diskussionsforum. Eines ist auf jeden Fall ganz klar: Nur wenn die Projekte mit der Unterstützung der Menschen vor Ort durchgesetzt werden, haben sie Erfolg.

Sie machen also auch in diesem Punkt Ernst mit Ihrer Vision einer werteorientierten Globalisierung.

Ja, selbstverständlich, da Mehrwert und wirtschaftlicher Erfolg auf der Grundlage von werteorientierten Strukturen entwickelt wird. Globalisierung bedeutet heute ganzheitliche, sektorübergreifende Konzepte zu entwickeln. Dies gibt den Menschen in den Zielregionen neue wirtschaftliche Perspektiven und erweiterte soziale und kulturelle Möglichkeiten.

Herzlichen Dank für das Interview.

12. Oktober 2009, Dr. Gabriele Lüke, freie Wirtschaftsjournalistin